Seitdem ich ein bisschen was von Ayurveda verstehe, fallen bei uns zu Hause eine Reihe von Konfliktthemen weg. Ich weiß ja jetzt: Wir können nichts dafür. Es sind unsere doshas!
Ayurveda, das indische „Wissen vom Leben“, teilt alle Menschen in drei Grundtypen, doshas, ein. Es gibt Vata-, Pitta- und Kapha-Typen. Fast alle Menschen sind Mischtypen aus zwei Doshas.
Vata, Pitta, Kapha – wat?
Vata, das sind die lebhaften, kreativen, leichtherzigen, redseligen, einfallsreichen, schnellen Typen. Sie haben eine rasche Auffassungsgabe und sind leicht zu begeistern. Klar, bei so viel Schwung vergessen sie leicht mal was. Aber das macht doch nichts. Schließlich ist sowieso nichts von ewiger Dauer, und bestimmt kommt gleich wieder eine neue Idee um die Ecke, oder?
Das genaue Gegenteil sind die Kapha-Typen. Ein Kapha überlegt sich jede Entscheidung ganz genau. Hat er aber eine Wahl getroffen, bleibt er auch dabei und zieht seine Sache durch. Er hat eine stetige und zähe Energie, wenn er von seinem Standpunkt oder Projekt überzeugt ist. Ein Vata-Typ hat schon manchmal wieder aufgegeben, wenn Kapha sich gerade erst die Jacke anzieht.
Die ehrgeizigen Pittas schließlich sorgen mit Feuer dafür, dass Sachen effizient erledigt werden. Ungerechtigkeit bringt Pittas sofort auf die Palme, und dann wird lautstark und scharf gestritten. Pitta kann eine menschliche Chilischote sein: heißblütig, durchsetzungsstark und extrem nützlich, solange man ihm ab und zu ein Glas Wasser reicht.
Eine Kollegin von mir sagt schön plastisch: Aller Ärger auf der Welt wird von den Pitta-Typen verursacht. Die Kaphas kommen nämlich nicht vom Sofa hoch, und die Vatas haben schon wieder den Autoschlüssel verlegt.
Aus Vorwurf wird Beobachtung: Die Sprache ändern
Ich liebe es, Menschen ayurvedisch zu beschreiben, weil Ayurveda keine Schubladen mit moralisierenden Etiketten kennt, sondern Beschreibungen von Energien und Gewohnheiten anbietet. Es hilft beim Beobachten, ohne zu urteilen oder gar zu tadeln. Diese kleine Verschiebung von „Du bist schuld“ zu „Ah, das ist gerade Pitta/Vata/Kapha“ nimmt erstaunlich schnell den Druck raus.
Die drei Doshas lassen sich ziemlich schlicht beschreiben, und gerade diese Schlichtheit ist nützlich: Vata bringt Bewegung, Ideen und Unruhe; Pitta bringt Feuer, Klarheit und Schlagfertigkeit; Kapha bringt Standfestigkeit, Geduld und Fürsorge. Wenn ich diese Wörter benutze, um zu benennen, was gerade passiert, klingt Kritik gleich eher nach Beobachtung als nach Vorwurff. Und das ist ein guter Start, um die Sichtweise des anderen als Ergänzung zu meiner eigenen wahrzunehmen.
Drei Schritte: Hinsehen, Benennen, Fragen
Das hat mir persönlich am meisten geholfen: erst schauen, dann benennen, dann fragen. Wenn mein Mann oder ich hitzig werden (wir sind beide Pittas), mache ich im Idealfall eine kleine Pause, identifiziere die beobachtete Energie („Das ist jetzt sehr pitta-mäßig“) und frage nach: „Was willst du damit erreichen?“ Das entwaffnet die Situation, weil Pitta sich verstanden fühlt, statt sich verteidigen zu müssen. Wenn ich selbst unruhig bin, hilft mir die Feststellung „Oh, das ist echt Vata heute“ . Gleich ist mein Vergessen weniger peinlich, weil wir beide wissen, dass es eine Vata-Welle ist.
Und, ganz wichtig: Manchmal muss man die Dosha-Brille auch absetzen. Sonst landet ihr irgendwann bei „Ich bin Pitta – ich kann nicht anders!“. Aber wenn ihr ab und zu über die typischen Dosha-Macken lachen könnt, habt ihr ein wirklich nützliches Werkzeug in der Hand.




